Bald CO2-neutral produzierte Gurken aus Hinwil?
In Hinwil steht das erste Gewächshaus, das nur mit Abwärme von einer Kehrichtverbrennungsanlage geheizt wird.
Was hat ein Kehrichtsack mit einer Gurke zu tun? Mehr als man denkt: In Hinwil wachsen Gurken in einem Gewächshaus, das ausschliesslich mit Abwärme der benachbarten Kehrichtverbrennungsanlage Zürich Oberland (Kezo)geheizt wird. Mit dieser besonderen Art von Symbiose betraten die beiden Gemüseproduzenten Fritz und Markus Meier 2009 europaweit Neuland.Mit einer Fläche von 4 Hektaren zählt das «Gurkenhaus» von Hinwil zu den grössten in der Schweiz. Ausgerüstet mit modernster holländischer Gewächshaustechnologie und einem israelischen High-Tech-Bewässerungssystem. Künftig sollen täglich 20'000 Gurken das Gewächshaus verlassen.

Auf die Zukunft ausgerichtet
Mit einem leisen Surren fährt Fritz Meier mit dem elektrisch betriebenen Erntewagen durch den mittlerweile gewachsenen imposanten Gurkenwald. «Heute haben wir bereits die ersten Gurken geerntet», sagt er stolz. Der Spediteur wird die Ernte am Abend zum Hauptbetrieb nach Buchs ins Furttal führen. Mit Folientunnels oder Glashäusern versuchen viele Gemüseproduzenten die Anbausaison zu verlängern und damit ihre Marktposition zu verbessern. Doch hohe Energiekosten belasten die Rechnung. «Ich bin überzeugt, dass die Energiepreise in den nächsten Jahren stark steigen werden», sagt Markus Meier. Für die beiden Brüder war deshalb klar, dass sie nach anderen Möglichkeiten suchen mussten. Die Frage lautete: Wo gibt es konstant überschüssige Wärme, die man günstig und dazu ökologisch sinnvoll für ein Gewächshaus nutzen könnte? Die Antwort führte sie zur Kezo nach Hinwil, wo sie auf offene Ohren stiessen. Obwohl die Betreiber mit der bei der Verbrennung von Abfall entstehenden Energie bereits Strom und Fernwärme erzeugten, gab es bisher immer noch einen Rest Abwärme, der ungenutzt über das Dach in die Luft entwich. Da kam das Gewächshausprojekt der Gebrüder Meier wie gerufen.

Effiziente Energienutzung
Im «Heizungsraum» stossen dicke Rohre aus dem Boden. Sie führen 45 Grad warmes Wasser von der Kehrichtverbrennungsanlage zum Gewächshaus. Diese relativ tiefe Vorlauftemperatur stellte die Ingenieure vor spezielle Anforderungen. Sie lösten es mit einem dichten Heizröhrensystem das unten und oben durch das gesamt Gewächshauses führt. «Durch die Nutzung der Wärme von der Kezo sparen wir rund 600'000 Liter Heizöl jährlich ein», sagt Fritz Meier. Zudem sind sie jetzt unabhängig von unangenehmen Energie-Preisschwankungen: Das Nutzungsrecht der «Güsel-Wärme» haben sie sich für die nächsten 25 Jahren vertraglich gesichert, zu einem festgelegten Preis. Das ermöglicht ihnen in Sachen Energiekosten eine Planungssicherheit, die es sonst in der Gemüsebranche kaum gibt.

Neben den Gurken sollen im Winter vor allem Kopfsalat und Nüsslisalat auf dem Erdboden wachsen. Fritz Meier hebt den Erntewagen hydraulisch sechs Meter in die Höhe: «Von hier oben können unsere Mitarbeiter ganz schnell und bequem die frischen Gurken ernten». Und die Gebrüder Meier denken schon weiter. Markus Meier hebt eine der frisch geernteten Gurken auf: «Eine Etikette <CO2-neutral produziert> auf dieser Gurke, das wäre doch was.»
Autor: David Eppenberger